Herren 1 – Zur Bescherung nur das Allerbeste

Die VGF Marktredwitz zwingt im Spitzenspiel der dritten Volleyball-Liga auch Freising in die Knie. Der Trainer überrascht mit drei Youngstern in der Startformation.

VGF Marktredwitz – SC Freising 3:2

VGF Marktredwitz: Jan und Joschi Liebscher, Weiß, Soderer, Forst, Schwinger, Janek und Jonas Lindner, Koran, Bican.
Schiedsrichter: Lehner (Nürnberg)/ Weißenfels (Erlangen).
Zuschauer: 320.
Sätze: 18:25, 25:11, 25:17, 23:25, 15:7.
Spielzeit: 98 (20/18/20/26/14) Minuten.

Wessen Herz auch nur ein bisschen für den Volleyballsport schlägt, für den war am Samstagabend knapp zwei Wochen vor Heiligabend in der Marktredwitzer Sebald-Arena bereits Bescherung. Wenn eine Partie das Attribut Spitzenspiel verdient, dann dieses. Was beide Teams vor gut 300 Zuschauern ablieferten, war vom Allerfeinsten und das mit Abstand Beste in dieser Saison – mitreißend, spannend und facettenreich. Eben, weil beide Kontrahenten auf höchstem Niveau agierten. Wegen der vielen Weihnachtsfeiern in der Region blieb der Besuch war etwas unter dem ohnehin hohen Saisonschnitt von 360, aber die, die gekommen waren, erlebten Ballwechsel von höchster Güte und sorgten für eine Stimmung wie in einem Fußballstadion.

Ein weiteres Kuriosum: Der Tabellenzweite begann mit einer Anfangsformation, in der ein 15-Jähriger und zwei 16-Jährige standen und mit einem Durchschnittsalter von 23,6 Jahren als Jüngste in die Annalen der Vereinsgeschichte eingehen wird. Ein Experiment oder gar ein Risiko? Milan Cernousek wagte vor heimischem Publikum viel. Der Marktredwitzer Trainer räumte später ein, dass es ihm nach dem deutlich verlorenen ersten Satz schon ein wenig mulmig war und er das Allerschlimmste – ein 0:3-Debakel – befürchtete. Denn sein Team brachte keinen Fuß mehr auf den Boden und die Freisinger liefen wie erwartet zur Hochform auf.

Block Paul Soderer gegen Philipp Geißelmeier

Der Druck des Gegners produzierte eine ganze Fehlerkette. Vor allem die Ballannahme klappte gar nicht mehr. den Satzverlust konnten auch vier, fünf tolle Blocks nicht verhindern. Doch Cernousek hielt seine Linie durch, brachte nur für den sichtlich übermotivierten Kapitän Jan Liebscher, dem anfangs wenig gelingen wollte, Routinier Jan Forst. Mit ihm kehrten Ordnung, Sicherheit und Kontrolle zurück.

Und siehe da, die VGF legte los wie die Feuerwehr: 8:4, 13:6 und 22:10 lauteten die Zwischenstände. Die Partie nahm eine abrupte Wendung. Gästecoach Tom Gailer kam aus dem Staunen nicht heraus. Die Hoffnung, seine tief in ihm nagende Misserfolgsserie – „ich habe in Marktredwitz noch nie gewonnen“ – endlich einmal beenden zu können, schwand von Minute zu Minute. Sein Team zeigte angesichts der Kulisse und der prächtig kombinierenden und sich in einen Rausch spielenden Gastgeber immer mehr Nerven, hämmerte die Bälle meterweit hinter die Grundlinie oder ins Netz.

Was der erst 15-jährige Philipp Weiß bei den Hausherren als Spielmacher auch inszenierte, es klappte. Und er fand mit dem nur ein Jahr älteren Paul Soderer einen Abnehmer, der die Bälle nahezu hundert Prozent verwertete. „Ich kann’s selbst nicht glauben“, sagte der junge Weidener, der sich einfach nur tragen ließ von der Kulisse. „Auswärts hörst du oft einen Stein fallen, da herrscht meist tote Hose, hier verstehst du dein eigenes Wort nicht mehr“, strahlte Soderer, der eine Klassepartie abgeliefert hatte und sich artig für das Lob bedankte.

„Ich bin stolz, Trainer dieser Mannschaft zu sein“, erklärte Milan Cernousek hinterher mit Überzeugung. Und der ist sich sicher: „Mit so einer Leistung hätten wir mit Ausnahme von Dresden jeden anderen Gegner 3:0 nach ause geschickt.“ Für ihn war es ein Erfolg des gesamten Teams, in dem keiner böse sei, wenn er mal draußen sitzen müsse. Er habe absolutes Vertrauen in seine Jüngsten, habe deshalb so entschieden. Allesamt nahmen eine Entwicklung, wie er das in dieser Geschwindigkeit nie für möglich gehalten hätte. „Der Philipp Weiß ist jetzt schon weiter als ich das in diesem Alter war“, sagt Cernousek. Und der brachte es immerhin zum 264-fachen Nationalspieler der damaligen Tschechoslowakei.

„Was sollte heute schon groß passieren, wir hatten 20 Punkte“, sagte der Trainer, der sich in seiner Aufstellung natürlich bestätigt fühlte. Denn das Feuerwerk setzte sich auch im dritten Satz (4:0, 14:7, 21:12) fort. Mit Ausnahme eines kleinen Rücksetzers, als Freising auf 22:17 verkürzen konnte. Doch dann schnürte Joschi Liebscher die 2:1-Satzführung fest.

Extrem eng ging es im vierten Durchgang zu, als die Gäste noch einmal alles auffuhren, was in ihnen steckt. zeitweise lag die VGF mit drei Zählern in Führung, geriet dann aber zum Ende hin mit 19:22 vorentscheidend ins Hintertreffen. Einen Satzball konnte sie abwehren, der zweite der Gäste saß.

Milan Cernousek – „gegen diesen Gegner wäre ich auch mit einem Punkt zufrieden gewesen“ – versuchte die Emotionen zu dosieren. 2:5 lag die VGF im Tiebreak bereits zurück, drehte dann aber in einem Maße auf, dass die Zuschauer völlig aus dem Häuschen gerieten. „Wahnsinn“ tönte Wolfgang Petrys Partyhit aus den Lautsprechern, Wahnsinn war, was auf dem Spielfeld abging. Als dann noch der körperlich deutlich kleinere Philipp Weiß zwei Bälle des Zwei-Meter-Riesen Severin Bienek blockte, gab es kein Halten mehr. Selbst Landrat Dr. Karl Döhler, erstmals zu Besuch in der Sebald-Arena, und Oberbürgermeister Oliver Weigel entledigten sich ihrer Jackets, konnten nicht mehr an sich halten und ließen sich mitreißen von einer Woge der Begeisterung. Sage und schreibe neun Punkte in Folge buchte die VGF. Jeder einzelne wurde frenetisch gefeiert. Alles funktionierte, ob mit Kopf, Schulter oder Bein. Frei nach dem Motto: Wenn’s läuft, dann läuft’s eben. Am Ende stand ein triumphaler Erfolg, an den alle Beteiligten sich noch lange erinnern werden.

Bericht: Peter Perzl, Frankenpost

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